1. Dezember 2009
Nun ist es also soweit. Allerortens geht ein großes Stöhnen durch die Kulturlandschaft, denn tatsächlich: Einschneidende Sparmaßnahmen werden nicht nur wie gewohnt angekündigt, sondern tatsächlich auch durchgeführt. Der Schock ist groß, die Krise viel zitiert. Auch vorm Sündenfall wird nicht mehr zurückgeschreckt: Das Schauspiel Wuppertal, nein, seien wir so genau wie die Kulturpolitik, das SchauspielHAUS Wuppertal wird eingespart.
Und bei all dem allgemeinen Augengereibe reibe ich mir einmal mehr über ganz was Anderes die Augen: Über die schon nicht mehr zauberhaft zu nennende Naivität mancher Kollegen. Ich weiß ja, der Erhalt einer gewissen Unschuld ist förderlich für unseren Beruf, aber manchmal stellen sich mir schon Fragen.
Mir ist nicht klar, wie man sich über die Einsparung von Wuppertal auch nur ein bißchen wundern kann - die Kulturpolitik steuert seit Jahren systematisch genau darauf zu. Immer wieder wurden Gelder gekürzt, das Ensemble auf einen kaum noch zu findenden Stamm reduziert, die Zahl der Produktionen noch mal dezimiert, Sanierungsmaßnahmen verschoben etc. Das einzige, was der Kulturpolitik in Wuppertal - wie an so vielen Orten - fehlte, war ein bißchen ARSCH IN DER HOSE: Einfach mal ehrlich sein und den Laden dicht machen. Stattdessen: Schön langsam kaputt sparen, bis sich kein Dummer mehr findet, der das Haus noch leiten mag. Das war die Devise. Natürlich hat man dabei ein Phänomen der Kulturschaffenden übersehen: Wir machen noch immer immer wieder aus Scheiße so lange Gold, bis nicht mehr auch nur noch ein Krümel Scheiße da ist. Wir müssen ja. Wir halten es anders ja nicht aus. Wir wollen ja. Kunst in die Welt stellen. Geschichten erzählen. Gesellschaft gestalten. Ohne gehen wir ja vor die Hunde. Also wurde auch in Wuppertal der Kulturpolitik solange durch aktive Selbstausbeutung der Kulturschaffenden ein Strich durch die Rechnung gemacht, bis sie nicht mehr anders konnte, als zumindest teilweise die Hosen runterzulassen. Und auch jetzt: Bleibt es ein Hohn, wie sehr die Damen und Herren sich nicht zu fein sind zu betonen, sie würden ja nur das HAUS einsparen, damit wäre ja noch keine Entscheidung über die Zukunft des Sprechtheaters in Wuppertal getroffen. Wenns nicht so zum Heulen wäre, ich würde mich kaputt lachen.
Nicht lachen kann ich aber über all die Schockierten. Denn dass es darauf zuläuft und dass es über kurz oder lang so weit sein wird (und ein Wunder ist, dass es erst jetzt so weit ist): Das war doch klar. Und diesen Schuh, den können wir uns dann alle auch mal anziehen: Wer immer nur reagiert, statt zu agieren, der darf sich nicht wundern, wenn ihm das System irgendwann um die Ohren fliegt.
Wir sind schon lange fällig. Seit Jahren wird in den Feuilletons nur noch entweder Ästhetik oder Geld diskutiert. Über die Bedeutung von Kultur in einer demokratischen Gesellschaft wird nicht mehr laut und für jeden verständlich nachgedacht. Nicht in den Zeitungen, nicht in der Gesellschaft, nicht auf der Bühne. Oder wenn dann viel zu selten.
Wir leben in Deutschland in dem unfassbaren Luxus eines einmaligen Subventionssystems. Nicht falsch verstehen: Ich finde das richtig! Aber auf der Existenz dieses Systems wurde sich viel zu lange ausgeruht und es wird der Erhalt eines Status Quo eingefordert, weil der ja schon immer so war - die gelebten Argumente sind aber dünn. DA muss sich etwas tun. Auch wenn es jetzt schon 5 nach 12 ist. Wir können und dürfen uns auf Seiten der Kunst nicht mehr blind und blöd oder eigentlich ja fast schon tot stellen. Die Kommunen SIND pleite. Geld MUSS irgendwo her kommen. Das System funktioniert nicht mehr. Es hilft jetzt nicht, heulend in der Ecke zu stehen und zu sagen “aber nicht bei mir”.
Gewiß hat jeder Recht der sagt, was man bei der Kultur einsparen kann, ist marginal gemessen am nötigen Finanzvolumen. Dennoch liegt es an uns allen, klar zu machen, warum wir überhaupt so wichtig sind. Die Zeiten sind so.
Und eine Kunstpolitik ala Frau Karin Beier, die 3x die Woche ihre Meinung ändert und erst im letzten Moment entdeckt, dass Inhalt dann vielleicht doch wichtiger sein könnte als Fassade, dafür aber dann alle anderen anklagt, tja, da kann ich mich nur fremdschämen. Obwohl: Irgendwie passt das auch zu Köln… Vielleicht begreifen wir einfach mal, dass schon längst Kunst machen und Wirtschafter + Politiker sein untrennbar verbunden ist. Man muss das nicht schön finden. Auch nicht richtig. Aber nur, wer sich in dieses Tal der Tränen begibt, wird auf Dauer die, meiner Meinung nach wirklich einzigartige, Kulturlandschaft Deutschlands bewahren können.
So, das war mein Wort zum Montag.
Noch eine Anekdote gefällig zu einem anderen Thema?
Neulich kaufe ich bei meiner Tochter (2,5 Jahre) in ihrem Kaufladen ein:
Ich: Ich hätte gerne 3 Eier. Was kostet das?
Sie: Das macht … 10 Euro.
Ich: Oh und dann nehme ich noch die Kirschen. Was macht das dann?
Sie: 10 Euro.
Ich: Und diese Bürste, die könnte ich auch noch gebrauchen. Wieviel kostet das?
Sie: 10 Euro.
Ich: Oh, ich sehe grade, ich habe gar kein Portemonnaie dabei.
Sie: Dann nimmst du es einfach so mit.
Erinnert mich fatal an Gehaltsverhandlungen in Theatern.
Intendant: Ich würde sie gerne für eine Produktion buchen. Sie spielen den Hamlet.
Schauspieler: Oh ja, sehr gerne. Da wäre meine Gagenvorstellung dann so 5.000 Euro für die Probenzeit.
Intendant: Es wären dann 50 Vorstellungen. Oft auch Doppelvorstellungen und 3x Dreifachvorstellungen.
Schauspieler: Ja, da fände ich dann 150 Euro pro Vorstellung angemessen.
Intendant: Ach und das Bühnenbild müssten sie selber aufbauen und wenn sie bei der Herstellung auch noch zupacken könnten, wir sind da etwas knapp mit dem Personal. Machen Sie Kampfsport? Wir suchen auch noch einen Kampftrainer.
Schauspieler: Oh, aha, ja, das müsste sich dann natürlich irgendwie in der Gage niederschlagen.
Intendant: Naja und generell ist es so, dass wir diese Produktion nur gerade so noch bewältigen können, also ich kann Ihnen da höchstens eine Wohnung anbieten für den Zeitraum, aber sehen Sie es mal so, Sie dürfen eine Rolle spielen, die nun wirklich jeder gerne mal spielen würde, das macht sich auch gut in ihrer Vita und der Regisseur ist up and coming, vielleicht nimmt der Sie dann irgendwo hin mit, wenn Sie es ein bißchen geschickt anstellen, und Sie bekommen bestimmt eine schicke Kritik für ihre Mappe, von der Erfahrung ganz zu schweigen und zur Premiere hat sich auch der XX und der YY angesagt, na und mal ehrlich, Sie haben doch eh nichts zu tun derzeit, oder?, also ich denke, das kriegen wir hin oder?
Schauspieler: Ja also, da müßte ich noch mal drüber nachdenken…
Wir sind doch schon genau so korrupt, oder? Das Schlimmste ist ja, dass wir das ganze Gespare dann intern genau so weitergeben. BAH.
Ich fahre jetzt zu meiner Bauprobe an einem noch nicht geschlossenen Theater
Wo die Gagenverhandlung total okay & fair lief und mein Technikteam vor Motivation bis über beide Ohren leuchtet und wir - mal wieder - irgendwie alles hinkriegen werden. Ich freu mich!
Und sende trotzdem solidarische Grüße nach Wuppertal. Und warte auf die Bombe, die in den nächsten Wochen in Köln platzen wird, wenn der Haushalt wirklich publik wird. Und “mein” Theater dann vielleicht auf einmal am Abgrund steht.
Also, man liest sich!